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Querfeldein Tour

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Mit „Querfeldein“ legt die Ravensburger Songschreiberin Lotte ein überaus beeindruckendes Albumdebüt vor. Songs wie die erste Single „Auf beiden Beinen“ erzählen von der Sehnsucht nach einer Freiheit, die nicht möglich ist ohne Geborgenheit. Es ist das eine Album, auf das man lange gewartet hat in diesen Tagen.

Lotte heißt eigentlich Charlotte Rezbach, aber so nennt sie kein Mensch. Seit frühester Kindheit ist Lotte Lotte und nun also auch als Musikerin. Das ist nicht zuletzt deshalb interessant, weil der Name Lotte gewisse Assoziationen weckt. Man denkt sofort an starke Mädchen mit aufgeschlagenen Knien, mit Humor, Mut und Durchsetzungsvermögen. Das liegt natürlich auch an Erich Kästners Roman „Das doppelte Lottchen“, einer Geschichte, in der es der Protagonistin Lotte Körner unter anderem um den Kampf um das eigene Glück geht, aber auch um Liebe und Freundschaft.

„Es gibt keinen Grund zu zweifeln, schau, ich land’ auf beiden Beinen / Ich schau nicht zurück und wenn du nichts hörst, geht’s mir gut“, singt nun Lotte auf ihrer ersten Single. Der Song heißt „Auf beiden Beinen“. Der hochdynamische Refrain symbolisiert Aufbruch, er trägt einen davon, steigert sich kontinuierlich über die gesamte Distanz, schwillt mal ab und dann wieder an – ein absolut unwiderstehlicher Instant-Hit, den man nicht wieder vergisst.

Nun ist Lotte kein kleines Mädchen, sondern eine Frau, die ziemlich genau weiß, was sie will. Es steckt so wahnsinnig viel Dringlichkeit in dieser Musik und diesen Zeilen. Man merkt sofort: hier, wie überhaupt auf diesem Lotte-Debütalbum, geht es darum, auszubrechen, seinen Platz in der Welt zu finden, ohne das zu verraten, was einen geprägt hat. Lotte singt vom Aufbruch, aber auch vom Ankommen – und von den vielen aufregenden Dingen, die zwischendurch passieren. „Ich glaube, es gibt eine gewisse Ambivalenz in meinen Songs, die auch für mich als Person typisch ist“, sagt Lotte. „Das bewegt sich immer zwischen extremen Polen. Dem Bedürfnis nach Freiheit auf der einen, und nach Sicherheit und Geborgenheit auf der anderen Seite.“

Deshalb eben doch: Wäre Lotte Körner in Kästners Buch schon groß und Musikerin gewesen, hätte sie vielleicht auch einen Song wie „Auf beiden Beinen“ geschrieben. Denn natürlich können nur jene fest auf beiden Beinen stehen, die eine Basis haben. Bei Lotte war das Ravensburg, die „Stadt der Türme“, wie sie sie im gleichnamigen Song nennt. Eben dort, in der Nähe des Bodensees lernt Lotte von Kindesbeinen an Gitarre, Klavier und Geige zu spielen, sie singt und nimmt klassischen Unterricht. Musik ist also schon immer der Kern ihres Lebens, ihre Sprache und ihr Zufluchtsort, und vielleicht klingen ihre Lieder auch deshalb so wahrhaftig und im besten Sinne reif, obwohl sie erst 21 Jahre alt ist.

Den ersten eigenen Song schreibt Lotte mit ungefähr 13 nach der ersten kleinen Verliebtheit. „Damals hatte ich zum ersten Mal das feste Bedürfnis, meine Gefühle in Musik packen zu wollen“, sagt sie. Zunächst tut Lotte das noch auf Englisch, aber während eines Austauschjahres in den USA stellt sie fest: so nahe, wie ich mir das vorstelle, werde ich meinen Themen mit dieser Sprache niemals kommen. Dann also Deutsch, was gleich neue Probleme mit sich bringt: man zieht sich gewissermaßen aus, offenbart sein Innerstes. Und natürlich ist Deutsch keine klassische Popsprache. Man muss erst mal eigene Worte finden, bevor man die mit anderen teilt. Also macht Lotte, die zuvor als Sängerin und Gitarristin in mehreren Bands gespielt hatte, erst mal alleine weiter. „Ich wollte für mich selbst herausfinden, wie ich alles, was mir wichtig ist, in meinen eigenen Stil übertrage“, sagt sie.

Geht dann aber erstaunlich schnell und gut! Bereits nach kurzer Zeit gibt Lotte erste Singer-Songwriter-Konzerte in Ravensburg. Ungezwungen alles mal ausprobieren, 20 bis 30 Minuten am Abend: klappt doch! Trotzdem geht sie nach dem Abitur zunächst nach Innsbruck und nimmt ein Philosophie-Studium auf. Auch wenn sich das irgendwie falsch anfühlt. Musik war schon immer ihre große Leidenschaft, aber noch hat sie leichte Zweifel: Geht das überhaupt? Kann das jemals mehr sein als ein schönes Hobby? Eine vollkommen normale Phase, die zum Glück nicht lange andauert. „Ich bin im Grunde ein risikofreudiger Mensch, das liegt in meiner Natur“, sagt sie. „Und mir wurde einfach immer klarer, dass ich das jetzt unbedingt machen muss – 100 Prozent oder gar nichts!“

Lotte setzt jetzt alles auf eine Karte. Und mit dieser Entscheidung löst sie in den kommenden Monaten eine wahre Lawine aus. Lottes Musik kommt extrem gut an, sie lernt haufenweise Leute kennen und steht plötzlich ständig auf der Bühne. Nachdem sie ein Konzert von Max Giesinger eröffnet hatte, gibt sie in den nächsten Monaten um die 40 Shows im Vorprogramm prominenter Kollegen wie BENNE, Johannes Oerding und eben Giesinger. Eine überaus gute Schule: Lotte ganz alleine mit der Halbresonanzgitarre vor Hunderten von Leuten, die eigentlich wegen des Hauptacts gekommen waren, aber nun auch Lotte zuhören. „Am Anfang hat man noch Angst, diese drei Stufen zur Bühne hochzugehen“, sagt sie, „aber am Ende will man gar nicht mehr runter.“

Lotte hat an diesen Abenden gelernt, sich nicht mehr hinter einer Band zu verstecken, sondern direkt mit den Leuten zu kommunizieren. Das tut sie nun auch immer häufiger mit verschiedenen Songschreibern: Sie will noch mehr lernen, noch besser werden. In Berlin, Mannheim und Hamburg arbeitet sich mit den Besten der Besten weiter an ihren Songs, sie stellt eine feste Band zusammen – das ist ihr wichtig! – und geht schließlich mit dem Produzenten Mic Schroeder ins Studio. Mic hat mit Rea Garvey, Joris und zahlreichen anderen gearbeitet und für Lotte erweist er sich auf Anhieb als perfekte Wahl. „Nach fünf Minuten war klar, dass wir perfekt zusammen passen“, sagt sie. „Daraus hat sich inzwischen eine richtige Freundschaft entwickelt. Das passt wie die Faust aufs Auge, wir sprechen die gleiche Sprache, mögen die gleichen Sachen.“

Und diese besondere Atmosphäre, die die beiden gemeinsam mit den Musikern im Studio kreieren, die hört man Lottes erstem Album nun in jeder Minute an. Was nicht zuletzt daran liegt, dass diese Frau wirklich ihr Handwerk beherrscht, sie hat es von der Pieke auf gelernt:  

„Ich bin kein großer Freund von komplett digitalen Produktionen“, sagt sie. „Meine Texte sind echt, also soll die Musik das auch sein.“ Und so wurde das Album ganz klassisch und analog gemeinsam mit ihrer Band aufgenommen und währenddessen immer weiter verfeinert – am Ende hatte Lotte so viele Songs, sie hätte drei Alben aufnehmen können.

Ausgewählt hat sie genau die richtigen: Songs wie „Pauken“, mit diesem nach vorne galoppierenden Klavier, das dramatisch flirrende Eifersuchtsdrama „Du fehlst“ oder das epochale Epos „Auf dich“ bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Melancholie und Emphase. Man spürt den Team-Geist in jeder Note, die Herangehensweise hat dieses Album geprägt, Lottes hochmemorabler Power-Pop ist von einer Individualität, wie man sie nicht oft findet in diesen Tagen. Die besondere Dynamik, die die diese Frau in sich und auf ihre Up-Tempo-Breitwand-Kracher überträgt, ist nicht zuletzt „Auch wenn’s zu Ende geht“ tief in die DNA eingebrannt: „Wild im Herzen, ins Ungewisse raus ... Wir bauen unsere Welt, wie sie uns gefällt“, singt sie hier – Zeilen, die eventuell mehr über diese Frau und ihren unbändigen Freiheits- und Erlebniswillen verraten als alles andere. Ein echter Lotte!

„Wenn ich ausgehe und nach Hause komme, will ich gelacht haben und geweint haben und getanzt haben“, sagt Lotte. „Ich will das ganze emotionale Spektrum.“ Das geht sicher vielen Leuten so, aber der 21-jährigen Charlotte Rezbach, die alle Lotte nennen, gelingt es, diese Gefühle eins zu eins auf ihre Musik zu übertragen. Auf eine sehr wahrhaftige und ehrliche Weise verrät sie ihr Anliegen niemals an Kitsch und Opulenz. Diese Lieder erzählen ihre Geschichte besser als es alle geschrieben Wörter jemals könnten.

Lotte ist Musik, ihr Leben ist Musik, Musik ist ihre Sprache. Lotte fängt gerade erst richtig an. Es wird ein langer und aufregender Sommer. Erich Kästner hätte das gefallen.




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